Hat Ihnen Ihr Staubsauger schon einen geblasen? Interview mit einem Objektophilen

 Sex mit Lokomotiven, Ampeln oder Telefonen sind längst Alltag. Zumindest für die Objektophilen,  den sogenannten Objektsexuellen, für die ihre Zuneigung zu Gegenständen weit mehr ist, als eine bloße  sexuelle Ausrichtung. Reine BJs mit Staubsaugern, die danach wieder lieblos in der Abstellkammer verschwinden, gehören der Vergangenheit an. Oft stehen  romantische Dinner in angenehmer Atmosphäre mit den Gegenständen der Begierde im Vordergrund. Ich habe mich des Themas angenommen, um der Öffentlichkeit einen kleinen Einblick in eine Subkultur von Menschen zu geben, die mit viel Leidenschaft und in Harmonie mit „Dingen“ zusammen leben und dabei in höchster Extase schweben.

Was mach ich nur mit Dir, Du kleines, versautes Empire State Building?

Das folgende Interview hat mein Redakteur Udo Knödel letzten Monat auf der Objektophilen Messe in Köln geführt.

Guten Tag Herr Matell! Zunächst lieben Dank für Ihre Zeit und ihr Kommen. In unserer Reihe außergewöhnlicher Interviews haben wir lange Zeit nach jemandem gesucht, der sich öffentlich über die teils doch noch sehr unbekannte sexuelle Orientierung der Objektophilie äußert.

Möchte Sie sich den Lesern vielleicht zunächst vorstellen?

Ja gerne. Danke dass ich hier sein darf. Meine Name ist Horst Matell, ich bin 42 Jahre alt und lebe in Berlin. Nach diversen gescheiterten Ehen, sowohl mit Männern, Frauen, und zwei Kanarienvögeln, habe ich mich komplett, sowohl von homo.- als auch heterogenen Beziehungen abgewandt und mich mit der Zeit immer mehr zu Objekten hingezogen gefühlt.

Wie kam es dazu?

Nun, meine Beziehung zu meinem iPhone war sowieso schon länger sehr intensiv, wissen Sie. Meine Exfrau Jutta meinte immer, ich verbringe mehr Zeit mit meinem Handy als mit ihr. Ich nahm es überall mit hin, sogar mit aufs Klo. Gab es nie aus der Hand und selbst nachts lag es unter meinem Kopfkissen – mit dem Ladekabel hinten eingesteckt, versteht sich.

Irgendwann ist es dann eskaliert, und Jutta stellte mich vor die Entscheidung: das Telefon oder sie? Ich musste nicht lange überlegen.

Und was geschah dann?

Nun, zunächst flogen Dinge durch die Wohnung als Sie erfuhr, dass ich meinte, ich lasse mich nicht auf ein Ultimatum ein. Sie oder das Telefon: Das ist doch völlig absurd! Ich meine, alleine die Fragestellung ist bereits völlig irre. Das wäre als würde man vor der Geburt zwischen einer Vagina und einem Penis wählen müssen. Natürlich nimmt man da den Penis. Aber wo kämen wir dahin? Dann gäbe es keine Fortpflanzung mehr.

Und nach viel Geschrei und Gezeter zog sie schließlich aus. Ich fühlte mich zunächst wie eine glatt gebügelte Eichel-Vorhaut, immerhin wohnten wir eine ganze Weile zusammen. Entschuldigen Sie meine Ausdrucksweise.

Schon gut!

Alles war neu und ungewohnt. Aber schon bald gewöhnte ich mich an die Situation. Niemand ermahnte mich abends im Bett mehr, wenn das Handy-licht an war. Jetzt konnte ich es sogar ganz hell machen. Ich konnte es in die Hand nehmen wann ich wollte ohne das jemand nervend fragte: „Hast Du schon wieder das Ding in der Hand?“ Und ich hatte von da an die gesamte Steckdosenleiste für mich allein. Es ist, als würde man als Elektriker nachts in der Lüsterklemmen-Abteilung eingeschlossen sein. Ein Paradies!

Und dann geschah etwas absolut Unvorstellbares womit ich nicht gerechnet hatte. Jemand Neues trat in mein Leben. Mein Handyvertrag lief aus, und mein Provider meinte ich solle ein neues Handy bekommen!

Ein neues Handy? Warum. Hatten Sie sich nicht gerade erst wegen ihrem Handy von der Freundin getrennt?

Nun ja, das stimmt schon. Aber Sie wissen ja wie wir Männer sind.

Ziehen Sie mich nicht da rein, bitte!

Naja also die meisten Männer zumindest. Das neue Handy war Jünger und Moderner als das Alte, verstehen Sie, und es hatte wesentlich grössere, äh, naja einen viel grösseren Speicher. Und wer bitteschön steht nicht auf grösseren Speicher! Das alte Gerät schien zu erahnen, dass es nunmehr ausgedient hatte und gab wenig später den Geist auf. Vielleicht lag es auch daran, das es mir mehrmals vom Tisch gefallen war, einmal sogar aus dem zweiten Stock. Dumme Missgeschicke. Rein zufällig. Naja solche Unfälle passieren wohl hin und wieder?!

Aber letztlich: Was soll ich denn bitteschön mit einem behinderten Handy mit gebrochenem Display? Dennoch werde ich unsere gemeinsame Zeit in guter Erinnerung behalten. Als es vibrierte wenn es unter der Decke lag, oder eine Nachricht kam. Als ich den Sprachknopf drückte und es immer fröhlich und gut gelaunt fragte: „Wie kann ich Dir helfen?“

Sicher, es gab auch schlechte Zeiten. Etwa, als immer dann der Akku versagte als ich darauf angewiesen war. Aber das ist Vergangenheit. Mir bleiben ja noch die Erinnerungen in den Backups, die ich mir hin und wieder anschauen kann.

Wie entwickelte sich Ihre neue „Beziehung“?

Nun, ich entwickelte immer grösseres Interesse am Innenleben meines neuen Telefons. Manchmal zog ich es komplett aus, um es dann so richtig aus zu blasen. Mit Druckluft. Ich wischte es häufig mit meinen Händen oder einem antistatischen Mikrofasertuch ab , oft wurde es auch ganz feucht dabei, wenn ich mit nassen Tüchern drüber ging. Ich wusste auch immer mehr diese fantastischen Rundungen zu schätzen. Und dieses Gefühl, wenn es in meiner Hand lag. Mit der Zeit, auch durch den intensiven Kontakt beim Laden, kam die Steckdose mit ins Spiel . Wir führten fortan eine Dreier Beziehung!

Das ist ja interessant. Erzählen Sie weiter!

Nun ja, ich erkannte die Vorzüge einer Beziehung zu Dritt. Sie ist abwechslungsreich. Und die Vorzüge einer Steckdose muss ich sicherlich nicht extra erwähnen. Man kann verschiedenste Dinge in sie hineinstecken. Sie beschwert sich nicht, egal was es ist. Und wenn man versucht etwas in die Löcher zu stecken, das nicht passt, merkt man es ganz schnell.

Und es muss ja auch nicht immer die gleiche Steckdose sein. Ich habe eine Menge Steckdosen und nutze teilweise jeden Tag eine andere. Es ist wunderbar. So viel Abwechslung hatte ich in einer Beziehung noch nie zuvor.

Sind sie nicht sehr isoliert? Ich meine, wie werden Sie von anderen Menschen wahr.- und angenommen?

Ach, gar nicht. Man lernt eine Menge neuer Leute kennen. In einem Forum kam ich mit Ben ins Gespräch. Er ist schon lange objektophil und hat mir viel beigebracht. Wie man Dinge wertschätzt. Ein besserer Mensch wird. Besser mit Dingen umgeht usw. Aber seid geraumer Zeit hat er leider Sex mit einer Boing 737-800. Seitdem ist er total abgehoben und ein richtiger Angeber geworden. Schwärmt nurnoch  von seinen großen Turbinen und so.

Sind Sie etwa neidisch oder eifersüchtig?

Ach was, soll der die Boing behalten. Der Typ ist eh ein perverses Schwein! Ehrlich!

Ähich glaube es wird langsam spät und die Sonne geht unter, Herr Matell, ich Danke Ihnen für das Interview!

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Wikipedia: Objektophilie